Ein Hund mit Inkontinenz – als ich den Dreh raushatte
Von einem Hund als Familienmitglied wird einiges erwartet. Er muss allein bleiben können, er muss nett zu den Nachbarskindern sein und er muss seine Notdurft draußen verrichten. Letzteres muss er wirklich. Kein Kompromiss. Doch was passiert mit den (oftmals alten) Hunden, bei denen die Grenzen zwischen draußen und drinnen verschwimmen und man manchmal das Gefühl hat, buchstäblich durch seinen Flur schwimmen zu müssen?
Als wir vor über zwei Jahren Dackelmann Herrn Pelle adoptierten, kam der mit ganz viel Kuschelbedarf, einem riesen Ego und leider ohne Schwimmflügel, die wir eigentlich alle gebraucht hätten. Herr Pelle pieselte überall hin. Nummer zwei erledigte er nach ein paar Tagen draußen, doch tauchten auch nach einigen Wochen unweigerlich kleine Binnenmeere in unserer Wohnung auf. Dies passierte leider nicht nur auf dem PVC, sondern vorzugsweise auch auf Polstermöbeln. Er pullerte, wenn er lief, wenn er im Korb saß, wenn er sich freute und die Momente waren absolut nicht vorhersehbar, wahrscheinlich auch nicht für ihn. Alles Üben und Trainieren, all die Schinkenwurst, wenn er draußen pullerte, halfen nicht.
Der erste Weg sollte zum Abklären von organischen Ursachen immer zum Tierarzt führen. Dieser beruhigte uns, dass bei Herrn Pelle alles altersentsprechend gut aussah bzw. er gut medikamentös eingestellt war. Bei ihm wird es wohl eine Mischung aus hohem Alter und absoluter Fehlkonditionierung gewesen sein, da er in seinem vorherigen Zuhause zumindest in der letzten Zeit die Wohnung nicht mehr verlassen hatte.
Was tat ich nun also mit dem Herzensbrecher mit Auslauffunktion?
Ich will nicht lügen, einfach war es zu Beginn nicht immer. An einem Tag schloss ich mich für ein paar Minuten im Bad ein, um zu verdauen, dass Pellemann ins Doppelbett gepinkelt hat. Ein anderes Mal habe ich unseren Besuch unwissentlich auf dem Gästesofa in einer Lache Pipi schlafen lassen. Ich verbrachte – vor allem in den ersten Wochen – mehr Zeit damit, schnüffelnd durch die Wohnung zu laufen (und zu kriechen), als mir lieb war.
Doch mit der Zeit fand ich einen Weg, mit dem „Problem“ umzugehen:
- Niemals schimpfen. Es verunsichert und die Verbindung kann vom Hund kaum hergestellt werden. Selbst wenn Herr Pelle vor meinen Augen ins Wohnzimmer pinkelte und ich ihn fragte, was das soll, hat er genüsslich schmatzend fertig gepullert und ist von dannen getrottet. Ein zweites Mal habe ich ihn nicht mehr gefragt. 😉
- Wasserdichte Kuscheldecken aus dem Kaufhaus mit A. Diese zierten von da an meine Couch und die Betthälfte, auf der Herr Pelle nachts schlief. Nach einem Malheur mussten diese natürlich trotzdem gewaschen werden, aber sie ließen keine Flüssigkeiten durch. Sie beruhigten das Gemüt ungemein und helfen übrigens auch, wenn man im Bett seinen Kakao verschüttet.
- Hundewindeln/Rüdenbinden ebenfalls aus dem Kaufhaus mit A. Ich habe etliche durchprobiert und kann wirklich nur empfehlen, weiche Produkte aus Stoff zu verwenden. Diese haben nie eingeschnitten, kamen in den schönsten Farben des Regenbogens und wurden ohne Protest getragen. Ich habe sie ihm einfach ganz selbstverständlich angezogen, dann haben wir gekuschelt und er verband sie nie mit etwas Schlimmen. Da sie den kompromisslosen Schwall an Pipi aber nie hätten ganz aufsaugen können, habe ich mir im Discounter Hygieneeinlagen der Stärke Maximaximaxi (…) gekauft. Besser gesagt: Die stärksten Inkontinenzeinlagen, die ich finden konnte. Diese habe ich halbiert oder gedrittelt und in die Hundewindel geklebt. Es lief nie etwas aus.
- Es versteht sich von selbst, dass die Windel – sobald sie nass war – gewechselt werden musste. Damit die Haut vom Urin nicht angegriffen wurde, habe ich mit milden Babytüchern Pelles Bauch abgewischt und erst einmal etwas Luft rangelassen. Erfahrungsgemäß hatte ich ein wenig Zeit bis zur nächsten Pipiattacke. Bei Hunden mit langem Fell würde ich öfter einmal ein Vollbad empfehlen.
- Ich habe nur noch Hundematratzen bzw. Körbchen gekauft, die einen abziehbaren Bezug hatten. Unter diesen habe ich immer eine Inkontinenzunterlage gelegt, falls ein Unfall auf dem Schlafplatz passieren sollte. Auch den Schlafplatz meiner Hündin habe ich so präpariert, denn heimlich schlich sich der Dackel auch ab und an dort hin.
- Wenn es kalt war (laut Pelle alles unter 12 Grad), bekam er seinen Mantel angezogen. Kälte und eine schwache Blase vertragen sich nur schlecht.
- Dem eigenen Umfeld signalisieren: Ein Hund mit Windel ist normal. Im Zweifel daran erinnern, dass wir alle ziemlich sicher mal an diesen Punkt gelangen.
- Falls doch einmal ein Malheur auf Polstermöbel passiert: Sofort eine Menge Salz draufstreuen, einwirken lassen und absaugen. Dann die Stelle mit lauwarmem Seifenwasser (wer es aushält auch gern mit Essig) einweichen und abwischen. Außerdem: Den Wunsch nach der teuren Designercouch erst einmal hintenanstellen und vom Geld lieber Hundekekse kaufen. 😉
Zum Schluss kann ich sagen: Des Dackels Pipi-Problem war im Endeffekt keines. Alles, was in meiner Aufzählung aufwendig klingt, waren Dinge, die ich absolut selbstverständlich und ohne Nachzudenken gemacht habe. Sie waren weder zeitlich noch organisatorisch ein Problem. Auch Freunde und Familie liebten Pelle genau so wie er war. Pelle ist vor zwei Monaten verstorben, doch wenn es nach mir ginge, hätte ich kein Problem gehabt, seine Windeln noch die nächsten 35 Jahre zu wechseln.
Marlen B. und Herr Pelle


